Demente Frau mit Brandwunde: Obergericht spricht Pfleger frei

Im Zweifel für den Angeklagten: Weil für das Bundesgericht nicht hundertprozentig klar war, woher die demente Frau ihre Brandwunde hatte, schickte es den Fall zurück ans Zürcher Obergericht. Dieses musste einen 29-jährigen Pfleger nun freisprechen.

Woher die demente Frau ihre Wunde hatte, ist nach Ansicht des Bundesgerichtes nicht abschliessend geklärt. Das Zürcher Obergericht musste einen Pfleger deshalb freisprechen. (Symbolbild) (FOTO: KEYSTONE/CHRISTIAN BEUTLER)
Woher die demente Frau ihre Wunde hatte, ist nach Ansicht des Bundesgerichtes nicht abschliessend geklärt. Das Zürcher Obergericht musste einen Pfleger deshalb freisprechen. (Symbolbild) (FOTO: KEYSTONE/CHRISTIAN BEUTLER)

Ein heisser Haarföhn, ein heisses Getränk oder war es doch eher eine Hauterkrankung? Für das Bundesgericht war nicht zweifelsfrei klar, wie die Patientin zu ihrer Brandwunde am Oberschenkel gekommen war. Wegen der fortschreitenden Demenz konnte die Frau nicht befragt werden. Für die Gerichtsprozesse blieben nur Indizien.

Die Verbrennung wurde am 20. März 2013 bemerkt. Eine Mitarbeiterin in einem Pflegezentrum im Unterland stellte damals bei der schwer pflegebedürftigen Bewohnerin eine etwa fünf auf sechs Zentimeter grosse Wunde auf der Innenseite des Oberschenkels fest. Im internen Informationssystem war dazu jedoch nichts vermerkt.

Schnell fiel der Verdacht auf den Lehrling, der an jenem Morgen für das Duschen und Anziehen der Frau zuständig war. Die Staatsanwaltschaft setzte ihn für 77 Tage in Untersuchungshaft, was dazu führte, dass er seine Lehrstelle verlor. Seine Ausbildung zum Fachmann Gesundheit konnte er nicht abschliessen.

In einer Befragung gab er an, dass er sich über die Frau genervt habe, weil sie Stuhlgang in der Dusche hatte und er sie im Intimbereich waschen musste. Die Brandwunde konnte er sich aber nicht erklären. Das Institut für Rechtsmedizin geht davon aus, dass ein heisser Gegenstand wie ein Haarföhn auf die Haut gedrückt wurde.

Im November 2017, also erst vier Jahre nach dem Vorfall, erhob die Staatsanwaltschaft schliesslich Anklage wegen Körperverletzung. Das Bezirksgericht Bülach verurteilte den Schweizer schliesslich zu einer bedingten Geldstrafe von 150 Tagessätzen zu 30 Franken.

Der Mann zog vor Obergericht, das den Schuldspruch jedoch bestätigte und schliesslich vor Bundesgericht, wo er schliesslich Recht erhielt. Es sei zwar naheliegend, dass er die Frau verbrannt habe, hielt das Bundesgericht fest.

Es sei aber keineswegs ein vorsätzliches Handeln ersichtlich. Vielmehr sei wohl ein Missgeschick mit Verletzungsfolge passiert. Und weil er gefürchtet habe, seine Lehrstelle zu verlieren, habe er die Verletzung nicht im System eingetragen.

Er sei aber nicht wegen fahrlässiger Körperverletzung angeklagt, also könne er deswegen auch nicht verurteilt werden. Im Zweifel für den Angeklagten sprach es den Mann deshalb frei und schickte den Fall zurück ans Obergericht, das den Freispruch nun umsetzen musste.

Wie aus dem kürzlich publizierten Urteil hervorgeht, wird dem Mann eine Genugtuung in der Höhe von 17400 Franken für die Untersuchungshaft zugesprochen. Zudem erhält er 1000 Franken Genugtuung, weil das Verfahren so lange dauerte und weitere 1000 Franken, weil er seine Lehre nicht abschliessen konnte.

Keinen Erfolg hatte der junge Mann hingegen mit seiner Entschädigungsforderung von 126000 Franken. Dies entspricht jenem Betrag, den er als ausgebildeter Pflegefachmann mehr verdient hätte als mit den Gelegenheitsjobs, mit denen er sich seit dem Vorfall über Wasser hält. Das Obergericht lehnte diese Forderung aber ab.

(sda)


Daten:

News Redaktion
15.09.20 17:00

Themen:

Schweiz

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