In der Willkommensklasse erleben ukrainische Kinder Geborgenheit

"Willkommen", heisst es neben der Schulzimmertür, die von zwei Plakaten in Blau-Gelb und Rot-Weiss geschmückt wird. 13 Kinder aus der Ukraine lernen hier im Schulhaus Landhaus in Herisau Deutsch. Vor allem aber gibt ihnen die Willkommensklasse ein Stück Normalität.

Die ukrainische Lehrerin Alina Tochenyuk mit zwei Schülerinnen in der Willkommensklasse im Schulhaus Landhaus in Herisau. (Archivbild) (FOTO: KEYSTONE/GIAN EHRENZELLER)
Die ukrainische Lehrerin Alina Tochenyuk mit zwei Schülerinnen in der Willkommensklasse im Schulhaus Landhaus in Herisau. (Archivbild) (FOTO: KEYSTONE/GIAN EHRENZELLER)

"Guten Morgen", begrüsst die Lehrerin Madlen Güntert die Kinder, die zwischen vier und acht Jahre alt sind. Sie sitzen ruhig an kleinen Tischen, auf denen Farbstifte und Arbeitsblätter liegen. In der Ecke des Schulzimmers ist eine Spielzeugeisenbahn aufgebaut. Zwei Kinder haben ihre Plüschtiere dabei.

Die ukrainische Lehrerin Alina Tochenyuk unterrichtet die Klasse zusammen mit ihrer Schweizer Kollegin. Sie übersetzt Günterts Anweisungen in die Muttersprache der Kinder. Nun wird die Klasse in zwei Gruppen aufgeteilt. Die Jüngeren lernen mit Bildkärtchen Wörter: Das Bein, das Ohr, das Auge, die Nase, der Mund, der Fuss.

Veronika, Sascha und Oleksander lachen über die ungewohnten Wörter. Tochenyuk erklärt ihnen, wie die Farben auf Deutsch heissen. Dann zählen alle im Chor laut auf 20 - das klappt gut. Der kleine Stefan hat sich unterdessen einen Spielzeuglastwagen vom Tisch nebenan geholt. Die Lehrerin gibt ihm ein Blatt zum Ausmalen.

Im Zimmer vis-a-vis unterrichtet Madlen Güntert die Erst- und Zweitklässler: "Ihr holt jetzt euren grünen Ordner." Danach heisst es für die Kinder Sätze schreiben: "Ich habe zwei Hände", "Du hast einen Bauch." Güntert notiert alles auf einen Flip Chart. Wer mit dem Schreiben fertig ist, darf auf den Pausenplatz gehen.

"Die Kinder vermissen die Ukraine", sagt Alina Tochenyuk. Der Krieg, vor dem sie geflüchtet sind, bleibt hier in der Schule bewusst im Hintergrund. Der Schulalltag soll den Kindern Sicherheit geben. Dies sei am wichtigsten, weiss die Lehrerin. Auch Judo, Fussball und Tanzen bieten in der Freizeit eine Ablenkung vom Krieg.

Alina Tochenyuk lebt seit zwei Jahren in Appenzell Ausserrhoden. Sie ist Geografielehrerin und hat selber einen kleinen Sohn. Nach dem Beginn des Kriegs meldete sie sich bei der Schule. Sie wollte unbedingt etwas für ihre geflüchteten Landsleute tun. Ihr Vater sei allein in der Ukraine, sagt sie. Sie mache sich grosse Sorgen um ihn.

Laut Schulleiterin Carol van Willigen bringen die ukrainischen Kinder grösstenteils einen hohen Bildungsstand mit. Sie hätten in der kurzen Zeit hier in der Schweiz bereits viel Deutsch gelernt.

Die Willkommensklasse habe "viel zur Entlastung der Lehrpersonen der Regelklassen beigetragen". Es habe sich auch gezeigt, dass die Kontakte der ukrainischen Schülerinnen und Schüler untereinander wichtig seien, da sie sich in der Freizeit nicht treffen würden.

Die Klasse biete Offenheit und Flexibilität. Ungünstig sei, dass die Kinder in der Schule weniger Deutsch sprechen, da sie untereinander in ihrer Muttersprache kommunizieren. Die Kommunikation mit den Eltern funktioniert dank Alina Tochenyuk gut. "Sie ist unsere Kontaktperson und Dolmetscherin zugleich", sagt van Willigen.

Die grösseren Kinder (9 bis 16 Jahre) erhalten zum Teil Online- Unterricht aus der Ukraine. Sie kommen nur an den Nachmittagen in die Willkommensklasse. "Hier ist die Verbindlichkeit nicht so hoch und wir haben die Schwierigkeit, dass die Schülerinnen und Schüler den Unterricht nicht immer regelmässig besuchen."

Eine andere Herausforderung sei die unstete Klassensituation. "Wenn Kinder erfahren, dass ein Klassengspänli in die Ukraine zurückreist, gibt das viel Unruhe und verständlicherweise ein 'auch wollen'. Hier braucht es viel Fingerspitzengefühl der Lehrpersonen, um diese Situationen aufzufangen", erklärt van Willigen.

Derzeit wohnen laut Kanton rund 525 Schutzsuchende aus der Ukraine in Ausserrhoden. 150 Kinder gehen hier zur Schule. In kleinen Gemeinden werden sie von Anfang an in die Regelklassen integriert. Herisau, Teufen und Heiden führen separate Willkommensklassen. Nach zwei bis drei Monaten wechseln die Kinder in Regelklassen.

(sda)


Daten:

News Redaktion
05.07.22 08:51

Themen:

Schweiz

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