Melancholie über dem Festivaltreiben auf der Piazza Grande

"Stärker als vor der Pandemie" begeht das Film Festival Locarno vom 3. bis 13. August seine 75. Ausgabe. An der Medienkonferenz vom Mittwoch erklärten die Leiter die Gründe dafür. Einer davon: Es gibt mehr Sponsoren.

75 Jahre Locarno Film Festival: Giona A. Nazzaro, künstlerischer Leiter, Präsident Marco Solari und der operative Leiter Raphaël Brunschwig haben am Mittwoch das Programm bekanntgegeben. (FOTO: Keystone/EPA KEYSTONE/ANTHONY ANEX)
75 Jahre Locarno Film Festival: Giona A. Nazzaro, künstlerischer Leiter, Präsident Marco Solari und der operative Leiter Raphaël Brunschwig haben am Mittwoch das Programm bekanntgegeben. (FOTO: Keystone/EPA KEYSTONE/ANTHONY ANEX)

Um 40 Prozent seien die Sponsoringbeiträge im Vergleich zu 2019 gestiegen, sagte Raphaël Brunschwig, operativer Leiter des Locarno Film Festival, vor der Presse in Bern. Dass neue namhafte Partnerschaften dazugekommen und alte trotzdem geblieben sind, sei ein Zeichen des Vertrauens, ergänzte Festivalpräsident Marco Solari.

Stärker als vor der Pandemie sei die Veranstaltung aber auch dank der "schützenden Hand der Politik" und einer "unglaublichen inneren Kraft", wie Solari im Bezug auf das Team sagte. "Es herrscht ein unbändiger Wille, jeder Konkurrenz zu trotzen und die Stellung als Weltfestival zu halten."

Dazu zählt er etwa die Auseinandersetzung mit aktuellen Themen wie dem Krieg in Europa, der gefährdeten Demokratie, aber auch das Einordnen, das Verarbeiten und das Fördern von Debatten zwischen Vertreterinnen und Vertretern aus der Filmwelt und dem Publikum. Es sei in Ordnung, wenn in Zeiten wie diesen "ein Hauch von Melancholie über dem Festlichen" liege.

Im diesjährigen Programm sind die Themen unserer Zeit und die Herausforderungen im Hinblick auf die Zukunft in unterschiedlichen Formen präsent. In zahlreichen Filmen natürlich, die der künstlerische Leiter Giona A. Nazzaro vorstellte. Oder in Programmpunkten wie dem "24-Stunden-Talk", einem via Streaming übertragenen und von der Università della Svizzera italiana kuratierten Langzeitgespräch zur Rolle des Films in Zukunft.

Und noch unmittelbarer ist die Gegenwart in Momenten spürbar, wenn etwa der Film "Porlogos", das letzte Werk von Mantas Kvedaravi?ius, seine Weltpremiere feiert. Der litauische Regisseur verlor im Angriffskrieg auf die Ukraine, den er mit seinen eigenen Bildern dokumentieren wollte, sein Leben.

Auf der Piazza Grande werden 17 Filme aus elf Ländern, darunter 10 Weltpremieren, gezeigt. Eröffnet wird der Filmreigen am 3. August mit "Bullet Train" von US-Regisseur David Leitch. Die Produktion, in der unter anderem Brad Pitt und Sandra Bullock zu sehen sind, werde "ein Reisser sein", sagt Giona A. Nazzaro.

Weiter laufen in dem berühmten Piazza-Freiluftkino, das Platz für 8000 Zuschauerinnen und Zuschauer bietet, die schweizerisch-belgische Koproduktion "Last Dance" von Delphine Lehericey oder "Where the Crawdads Sing", die Verfilmung des Bestsellerromans von Delia Owens mit dem deutschen Titel "Der Gesang der Flusskrebse".

Als Schlussfilm wird am 13. August der schweizerisch-deutsche Dokumentarfilm "Alles über Martin Suter. Ausser die Wahrheit" in einer Weltpremiere gezeigt. Filmemacher André Schäfer erweckt darin mittels fiktionaler Einschübe die Romane des Schriftstellers zum Leben.

Weitere Filme laufen in den Wettbewerbssektionen. Im Corso internazionale ist unter anderem "De Noche los Gatos Son Pardos" von dem Schweizer Regisseur Valentin Merz zu sehen. Im Concorso Cineasti del presente finden sich Werke aus den USA ("A Perfect Day for Caribou" von Jeff Rutherford), Norwegen ("Sister, What Grows Where Land Is Sick?" von Franciska Eliassen) oder der Ukraine ("How Is Katia?" von Christina Tynkevych). In der Sektion Pardi di domani stehen in verschiedenen Unterkategorien 40 weitere Weltpremieren auf dem Programm.

Ausserdem läuft unter dem Titel "Postcards from the Future" eine Serie, die anlässlich des 75-Jahre-Jubiläums konzipiert wurde. Elf renommierte Persönlichkeiten des internationalen und nationalen Kinos, darunter der Schweizer Regisseur Fredi M. Murer, haben Kurzfilme gedreht, die jeden Abend auf der Piazza Grande gezeigt werden.

Um die Zukunft geht es auch bei den Initiativen Pardo Verde WWF und Green Film Fund. Beide sollen das Publikum für grünes Handeln sensibilisieren und das ökologische Engagement des Tessiner Festivals signalisieren. Das Locarno Film Festival sehe es als seine Aufgabe "ein klein wenig zu helfen", die Welt heute und in Zukunft zu einem besseren Ort zu machen, fasst Marco Solari das gesamte Engagement zusammen.

(sda)


Daten:

News Redaktion
06.07.22 12:17

Themen:

Schweiz

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